• 21.06.11 - Allgemein

    Die wichtigste Lehre aus Fukushima: Der Atomausstieg ist möglich!

    "Format" Nr. 24/11 vom 17.06.2011 - Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, heißt es im Libretto der "Fledermaus“ von Johann Strauß. Der Strauß-Sohn wusste noch nichts von Kernspaltung, und mit dem Text für seine Operette hatte er auch nicht viel am Hut. Aber für mich beschreibt dieser Satz wunderbar die weltweite Haltung gegenüber der Atomenergie - vor Fukushima.

    Bis auf absolut Technikgläubige, die Atomlobby und natürlich bis auf den mit seinem Atommantra schon schrullig wirkenden tschechischen Präsidenten Václav Klaus wussten die Menschen über den Sonderfall Österreich hinaus und spätestens seit Tschernobyl, dass Atomstrom ein Irrweg ist. Vor allem, da es keine sichere Endlagerung für radioaktive Abfälle gibt und es eine risikolose Lösung für Atommüll auch nie geben wird. Dieser "gefährliche Dreck“ wurde aber in Kauf genommen - wenngleich ihn auch die Atomkraftverfechter nicht vor ihrer Haustür lagern wollten. In Kauf genommen wurde auch das Risiko, durch Naturkatastrophen oder technisches Versagen oder Terrorattacken in den nächsten Super-Gau zu schlittern.
    Dieser globale Fatalismus basierte auf einem Argument: Weil es angeblich nicht zu ändern ist, weil es angeblich nicht anders geht. Ohne Atomstrom kein Fortschritt, hieß es, ohne Atomstrom kein Wachstum, ohne Atomstrom kein Wohlstand, ohne Atomstrom kein Klimaschutz. Mit der Etablierung der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) innerhalb des UNO-Systems wurde die Atomenergie zudem sakrosankt und zu einem Teil der Glaubenslehre aus dem säkularen Vatikan erklärt. Da blieb - außerhalb der seligen Insel Österreich - nicht viel Platz für Atomenergie-Häresien und letztlich nur ein resigniertes "Hände falten, Goschn halten“.
    100 Tage nach der Katastrophe von Fukushima ist dieser Irrglaube erschüttert. Die wichtigste Lehre aus dem japanischen Super-GAU ist: Der Atomausstieg ist möglich, weil er von den Menschen verlangt wird. Geht nicht gibt es nicht! Das zeigt das erfolgreiche Atomausstieg-Referendum in Italien am vergangenen Wochenende, das zeigt der Atomausstieg-Beschluss des Schweizer Nationalrats, und das zeigt vor allem die Atompolitik-Wende um 180 Grad in Deutschland.
    "Den Klimawandel und die atomare Bedrohung in den Griff zu bekommen ist keine technologische Herausforderung. Es ist eine psychologische und eine politische“, heißt es in diesem Sinn auch in einer Erklärung von 50 Trägerinnen und Trägern des "Alternativen Nobelpreises“ als Reaktion auf Fukushima. Und: "Atomkraft ist weder die Antwort auf moderne Energieprobleme noch ein Wundermittel für die Herausforderungen des Klimawandels. Probleme können nicht gelöst werden, indem man neue Probleme schafft.“
    Gerade aber der Klimaschutz wird jetzt als Schutzschild für die Kernkraft missbraucht. Das Argument stimmt aber heute so wenig wie vor Fukushima, als das Erreichen der Klimaschutzziele mit ein Grund für eine Renaissance der Atomenergie sein sollte. Kernenergie ist keine "saubere Energie“. Selbst ein Blockheizkraftwerk auf Erdgasbasis kann mit der CO2-Bilanz von Atomstrom mithalten. Nur sechs Prozent steuert die nukleare Energie zum Ziel bei, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 zu halbieren - der kleinste Einzelposten. Erneuerbare Energiequellen machen 21 Prozent aus, Energiesparen 36 Prozent. Der größte Klimakiller ist sowieso der Verkehr - und da kann die Kernkraft am wenigsten als Saubermacher beitragen.
    Neben dem Klima malt die Atomindustrie eine zweite Drohung an die Wand: stark steigende Strompreise. Für mich klingt das eher wie eine Trotzreaktion der Energieproduzenten: Wenn die Leute aus der Atomenergie rauswollen, dann sollen sie mehr bezahlen! Einer aktuellen, im Auftrag der (zugegeben SPD-nahen) Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Studie zufolge stimmt das für Deutschland gar nicht. Bei Abschaltung des letzten deutschen Atomkraftwerks 2022 läge der Strompreis im Jahr 2015 mit 21,7 Cent pro Kilowattstunde nur um einen halben Cent höher als bei einem Ausstiegsszenario bis 2038. Für einen durchschnittlichen Haushalt bedeutet das Mehrkosten von weniger als 1,50 Euro im Monat.
    Und die Fukushima-Lehren für Österreich? Die Vorlage des neuen Ökostromgesetzes dieser Tage ist dafür entscheidend. Österreich hat das schlechteste Ökostromgesetz in der EU, jahrelang wurde der Ökostrom hierzulande politisch klein gehalten. Der Anteil von Solarstrom am Gesamtstromverbrauch liegt in Deutschland bei über zwei Prozent, in Bayern bei mehr als fünf Prozent - in Österreich bei 0,1 Prozent! Nach Fukushima hat die Bundesregierung beschlossen, bis 2015 von Atomstromimporten unabhängig zu werden. Ohne Effizienzsteigerung und den massiven Ausbau von Ökostrom gelingt das nicht. Der Anti-Atom-Rhetorik müssen Anti-Atom-Taten folgen, in der ganzen EU. Nach Fukushima gelten die drei E mehr als je zuvor: Energieeffizienz, Energiesparen und erneuerbare Energien.